Bloß keine Schwäche!

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Bloß keine Schwäche!

Stell dir vor, du begegnest am Morgen deinem Partner oder deinem Chef auf der Arbeit, einem Kunden oder einem Freund und du wirst gefragt: „Na, alles ok?“

Du antwortest: „Ich bin schwach.“

Ist das möglich? Oder ist deine gewohnte Antwort so etwas wie: „Ja, alles ok.“, oder sogar: „Muss ja!“ oder, wenn du in einem spirituellen Umfeld lebst, auch: „Ich bin gerade in einem tiefen Prozess!“. In diesem Moment fangen wir an, uns unglaublich anzustrengen, um diesen kleinen Moment zu vermeiden. Einen kleinen Moment von Schwäche. Aber warum ist das so? Warum sind wir so sehr daran gewöhnt, diesen Teil in unserem Leben auszuklammern, zu leugnen und zu übergehen?

Was ist Schwäche eigentlich?

Wir kennen wahrscheinlich alle, was Schwäche nicht ist, da wir darauf konditioniert sind, nicht schwach zu sein, nicht zu versagen, nicht zu scheitern.

Aber was geschieht in den Momenten, in denen wir uns abends, wenn die innere Maschine zur Ruhe kommt, immer mehr ausgezehrt fühlen? Wenn wir immer gereizter reagieren auf unsere Kollegen, Mitarbeiter, auf unseren Partner zu Hause, die Kinder? Wenn die Dinge nicht mehr so laufen, wie wir es geplant haben? Wenn wir alles und jeden um uns herum dafür verantwortlich machen, dass wir nicht mehr glücklich sind? Oder wenn wir uns mit Selbstvorwürfen überhäufen?

Was geschieht, wenn wir feststellen, dass wir orientierungslos geworden sind? Wenn das, was uns eben noch Halt und Sicherheit versprochen hat, nicht mehr funktioniert? Wenn ich es nicht mehr weiß? Wenn uns die Arbeit plötzlich nicht mehr erfüllt und uns das gibt, was wir uns davon versprochen haben? Wenn uns ein Ereignis in unserem Leben aus der Bahn geworfen hat? Wenn wir vor lauter Leistungsdruck feststellen, dass wir überhaupt nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind, wer wir ohne unseren Erfolg sind?

Was geschieht dann?

Finden wir das nächste noch größere Projekt? Einen neuen Partner? Eine neue Arbeitsstelle? Einen neuen Chef? Neue Mitarbeiter? Neue Herausforderungen? Mehr Geld und Gehaltsforderungen? Eine neue Wohnung? Eine Reise? Abenteuer? Die nächste große spirituelle Erkenntnis?

Wir tun in diesen Momenten alles dafür, wieder jemand zu sein. Wir erreichen dies vielleicht durch die Verneinung des Fühlens, sicherlich nicht mit böser Absicht, vielleicht einfach aus einer Not heraus, damit es uns wieder besser geht. Oder wir geben vor, besonders glücklich zu sein. Auch Angst als Antrieb kann „Wunder“ bewirken, indem wir innerlich oder äußerlich flüchten. Vielleicht gibt es ins uns auch jemanden, der glaubt, wenn wir wirklich schwach sind, dass wir nicht überlebensfähig sind.

Und doch, wenn wir dazu bereit sind, kommt es irgendwann zu dem Punkt, an dem wir uns eingestehen, dass wir uns in der Tiefe schwach, ohnmächtig oder schutzlos fühlen.

In diesem Moment können wir anfangen zu erlauben, dass es eine neue, eine andere Möglichkeit in unserem Leben gibt als die, die wir bisher immer gewählt haben – die Akzeptanz. In uns sind die Fähigkeiten vorhanden, alles, was uns begegnet, und alles, was in uns auftaucht, erfahren zu können. Das Einzige, was vielleicht nicht überlebt, sind unsere alten Überzeugungen und Glaubenssätze. Das ist ein Sterben. Aber kein Sterben in etwas Totes, vielmehr ein Sterben in die Lebendigkeit unserer selbst.

Der „Scheiterpunkt“

Wenn ich die Schwäche wieder fühle, erscheint es mir wie ein Scheitern. Und genau genommen ist es ein „Scheiterpunkt“ und zur gleichen Zeit ein Scheitelpunkt. Wenn ich an diesem Punkt innehalte und mir erlaube, für einen Moment anwesend zu bleiben, dann fühle ich vielleicht Schmerz, fühle Traurigkeit. Ich fühle.

Und vielleicht bleibe ich zum ersten Mal und verweile. Und das Verweilen lässt mich an diesem Wendepunktbehutsam auf die andere Seite wandern. Getragen. Allein durch meine Anwesenheit. Durch die Erlaubnis, einen Moment mit mir zu sein, vielleicht begleitet durch einen bewussten Atemzug.

In diesem Moment wird das Geheimnis der Kraft sichtbar. Ich bekomme Zugang zu einer Wirkung von Kraft in Schwäche. Vielleicht ist es besser, an diesem Punkt von einem Fluss zu sprechen. Und wie das Wasser selbst sich zu großen Wellen und ungeheuren Wogen aufbäumen kann, so ist es auch in uns. Und nach jeder Welle, ob groß oder klein, wird das Wasser wieder sanft und still und bleibt Wasser an sich. Es fließt von einem Punkt zum nächsten. Von einem Moment der Stärke hin zur Schwäche und wieder zur Stärke.

Eine Teilnehmerin eines Seminars mit dem Thema Schwäche hat die Veränderung sehr einfach beschrieben: „Früher war Schwäche für mich eher ein äußeres Merkmal, z.B. körperliche Schwäche, Lernschwäche, Nicht-Gelingen und ähnliches. Eher negativ besetzt in meinem Geist. Auf dem inneren Weg erlebte ich bisher Schwäche als eine Form des Aufgebens und der Hingabe – aber meist unfreiwillig ausgelöst. Jetzt erfahre ich Schwäche als eine neue Qualität und würde es so benennen: Schwäche ist für mich die Erlaubnis die zu sein, die ich bin.“

So ist die natürliche Schwäche immer Kraft ebenso wie die natürliche Stärke in uns. Verleugnen wir die eine oder andere Seite, so macht es uns auf Dauer krank.

Die Grundbewegungen des Kosmos

Im Verständnis der ewigen Philosophie1 gibt es zwei Grundbewegungen des Kosmos: die Involution und Evolution – Abstieg und Aufstieg – Einfaltung und Entfaltung – oder auch Schwäche als urweibliches Prinzip und Stärke als urmännliches Prinzip. Ein ewiger Kreislauf, der sich immer wieder aus sich selbst heraus gebiert. Wenn wir uns dieses Gesetz als fließenden Kreislauf versinnbildlichen, können wir uns gut vorstellen, was passiert, wenn dieser Kreislauf an einem Punkt unterbrochen oder festgehalten wird. Es entsteht Stagnation. Und genau das geschieht sehr häufig im absteigenden Bogen, also dem Bogen der Involution und des weiblichen Urprinzips, der natürlichen Schwäche. In unserer Kultur sind wir es gewohnt, dass alles immer weiter, höher, besser und schneller geht. Den beschriebenen Wendepunkt erlauben wir uns nicht und wenn, dann nur als Scheitern, was sofort wieder behoben werden muss. Aber auch im aufsteigenden Bogen kann Schwäche verhindert werden, denn der gesamte Bogen ist als eine in sich gedrehte Spirale zu verstehen, die sich immer wieder durch die Prinzipien von Schwäche und Stärke dreht. Vielleicht könnte man es auch als ein immerwährendes Ein- und Ausatmen beschreiben, das sich selbst sowohl im Aufsteigen als auch im Absteigen atmet. Und halte ich fest und unterbinde damit das Loslassen, so geschieht an jedem Punkt des Kreislaufes der beschriebene Vorgang der Stagnation und damit auch die Identifikation mit dem Zustand und dem Ort, an dem ich mich gerade festhalte.

Dieses Festhalten führt aber nicht dazu, dass sich der ewige Kreislauf in Wirklichkeit unterbrechen lässt. Vielmehr ist es so, dass wir ab dem Moment, an dem wir zum Beispiel den absteigenden Bogen mit seiner spezifischen Form der Schwäche verhindern wollen, unbewusst werden. Der Kreislauf geht weiter, doch wir sind uns dessen nicht mehr bewusst.

Es geschieht unbewusstes Absteigen, also unbewusste Regression, was dazu führt, dass wir uns in fixierten, meist kindlichen inneren Welten wieder finden.

Die Tragik dieses Geschehens ist unter anderem, dass der Zustand, den ich mit meinem Festhalten versuche zu erreichen, also ein Zustand des Starkseins und der Weiterentwicklung, ins Gegenteil geführt wird. Denn dieses Halten bedeutet einen immensen Kraftaufwand, der das System in eine nun unfreiwillige und unbewusste Form der „gemachten“ Schwäche und letztlich Kraftausbeutung führt bzw. zwingt. Die Folgen können Formen des Burnouts und depressive Zustände sein. Daraus wird auch deutlich, dass die Gründe für diese Folgen nicht einfach Überarbeitung oder Formen der Anstrengung sind, sondern ein geistiger Vorgang des Festhaltens, der den natürlichen Fluss der Schwäche verhindern will, uns in eine unnatürliche Schwäche führt und krank macht. Hier geht es um eine Schwäche, die durch geistig-emotionales Tun in uns ausgelöst wird und nicht einer Schwäche, die dem natürlichen Urprinzip entspringt. 

Drei Ebenen der Schwäche

Wenn wir das Verständnis der drei Gehirne2 im Menschen zu Grunde legen, so gibt es drei Intelligenzzentren in uns, die im gesunden Zustand miteinander arbeiten: Intellektuell, emotional und körperlich-instinktiv, also Kopf, Herz und Bauch.

So kann auch die Schwäche in uns auf einer dieser drei Ebenen wirken. Zum Beispiel auf körperlicher Ebene, also im ersten Gehirn, im Bauchzentrum. Hier zeigt sie sich als eine Form der körperlichen Erholung und Entspannung oder – im Unbewussten – als eine Form der Erschöpfung oder Manifestation von körperlichen Krankheit.

Wirkt sie auf der Ebene des zweiten Gehirnes, unserem Herzzentrum, also der Gefühls- und Emotionsebene, so kann sie sich als Hingabe und Zulassen von Gefühlen zeigen oder – im festgehaltenen Zustand – als Gefühlskälte und Herzlosigkeit sichtbar werden. Dies äußert sich oft durch eine verstärkte Tendenz der Rationalisierung.

Wirkt sie im dritten Gehirn, also dem Kopfzentrum, spiegelt sie sich in unserer Flexibilität des Denkens wider, als eine Art der intellektuellen Geschmeidigkeit. Sie ermöglicht uns auch das Beugen auf einer höheren Ebene, die letztlich in das Beugen des ICHs führen kann. Die Vermeidung auf dieser Ebene führt beispielsweise zu einer Starrsinnigkeit, Idealisierung und Radikalisierung, also einer entkoppelten Wahrnehmung ohne jegliches Gefühl. Und wir finden uns in der immer wieder neu kreierten Welt unseres ICHs wieder.

Die Erinnerung an Schwäche

Wie kann ich mir also erlauben, diese Kraft wieder in mein Leben zu integrieren?

Es ist ein langsamer und behutsamer Weg, er ist nicht schnell und rational, er ist nicht machbar, aber er ist lernbar und erfahrbar. Und es lohnt sich, ein Bewusstsein zu schaffen für genau diese Teile in uns, die uns wieder gesund sein lassen, für die Wege, in denen wir wieder Mensch sind. Es ist ein Weg, der mich lehrt die Unterscheidungskraft zu gewinnen, um natürliche Schwäche von gemachter Schwäche zu unterscheiden. Ein Weg, in dem ich erlaube, mich wieder fallen zu lassen, sanft in mir zu sein und behutsam. Es ist ein Fallen in Teile in mir, die ich nicht denken kann. Es sind viele kleine Schritte. Vielleicht wenn ich morgens gefragt werde, wie es mir geht, kann ich antworten: „Heute fühle ich mich schwach.“


1 Der italienische Bischof Augustinus Steuchus prägte im 16. Jahrhundert den Begriff der Philosophia perennis, der Ewigen Philosophie. Mit ihr bezeichnete er „diejenigen Grundwahrheiten, die bei allen Völkern zu allen Zeiten vorhanden sein und die eine Wissenschaft aus dem einen Prinzip (Gott) ausmachen sollen“. OM C. Parkin, https://www.om-c-parkin.de/de/lehre-wirken/ewige-philosophie

2 Der Vierte Weg: Anleitung zur Entfaltung des wahren menschlichen Potentials nach G. I. Gurdjieff, Peter D. Ouspensky, Advaita Media, 2013


Weiterführende Literatur

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