Der innere Weg

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Der innere Weg

„Der Lehrer spricht zu seinem Schüler: “Du mußt wissen, daß Du nichts tun kannst, um dorthin zu gelangen, wo Du die Erleuchtung vermutest. Und Du mußt wissen, daß Du alles tun mußt, was zu tun ist.“

Wir betreten den inneren Weg mit den Mitteln des logischen Denkens, die wir erlernt haben. Diese Form des Denkens, welche wir als Ich identifiziert haben, hat Ordnung in eine Welt gebracht, die voller unvereinbarer Widersprüche zu sein scheint. Die Welt ist jetzt entweder richtig oder falsch, gut oder böse. Mit dieser urteilenden, denkenden Ordnung, welche danach trachtet, die erlebten Gegensätze auseinanderzuhalten, versuchen wir, den inneren Weg zu beschreiten. So ist es nur verständlich, daß wir versuchen, den richtigen Weg zu wählen und ihn in der richtigen Weise zu gehen. Wenn wir dann den richtigen Lehrer gefunden haben, der uns richtig anleitet, kostet es uns große Anstrengung, uns ihm gegenüber richtig zu verhalten, seine Anweisungen richtig zu befolgen und  Übungen richtig zu erlernen. Währenddessen läßt sich der hintergründige Verdacht, daß wir es doch falsch machen könnten, oder daß sogar der Lehrer falsch sei, nie vollständig besänftigen. Andere, die einen anderen Weg gehen, machen es möglicherweise falsch, während ein anderer Lehrer für uns vielleicht richtiger wäre.

Der Weg, so wie ihn die denkende Ordnung versteht, ist eine Wegstrecke vom Bösen zum Guten, vom Schmerz zur Freude, vom Diesseits zum Jenseits, die es zu überwinden gilt. Auch das von Meistern gern benutzte Bild des Übersetzens in einem Boot zum anderen Ufer wird auf diese Weise verstanden. Und genauso haben wir auch die christliche Lehre vom Weg des sündigen Menschen, der in den Himmel kommt, begriffen. Eine Lehre, die ja schließlich die Wurzeln unserer denkenden Ordnung ausgebildet hat. Längst haben wir die Zehn Gebote der Bibel in uns selbst vervielfältigt, verfeinert, modernisiert und sie in andere Gewänder gekleidet. Sie dienen uns als Wegweiser und Mahnungen auf dem Weg. Dieses Verständnis hat uns zu “besseren³ Menschen gemacht, und dafür können wir dankbar sein.

Eines Tages fällt uns zufällig ein Text eines großen Mystikers und Einheitslehrers in die Hände, und wir lesen: “Erkenne Gott, der Du Selbst bist, jetzt, unmittelbar und ohne Bedingungen. Du bist schon der, der Du bist, jetzt und immer.“ Wir sind stark berührt, aber unsere denkende Ordnung ist irritiert. Unser inneres Raum-Zeit-Gefüge ist erschüttert. Irgendetwas in uns versteht und doch verstehen wir nicht wirklich.

Zweifel tauchen auf
Wie kann ich einen Weg gehen, wenn ich Jetzt Das Bin?
Wie kann ich werden, was ich schon Bin?
Wozu soll ich dann noch Innere Arbeit auf dem Weg tun?
Und überhaupt: Was soll das Ganze eigentlich?

Unser lineares Denken ist an eine Grenze gestoßen, und wir stehen vor einem scheinbar unlösbaren Widerspruch. Genau an diesem Punkt haben wir die große Chance, unsere denkende, trennende Ordnung aufzugeben und den paradoxen Weg zu betreten ­ in bewußtem Nicht-Wissen. Genau an diesem Punkt beginnt, streng genommen, erst der innere Weg des Menschen, der spirituell genannt werden kann. Es ist ein Weg, der sich selbst auflöst. Ein Weg, der für das alte Denken widersprüchlich, unvereinbar, unlösbar und unbegehbar ist.

Die einzig mögliche Antwort, die wir auf dem paradoxen Weg noch geben können, ist eine Antwort mit unserem ganzen Wesen, nicht mehr mit unserem Verstand. Durch die Innere Arbeit, die wir auf dem inneren Weg tun, lernen wir die Drei Gehirne (Gurdjeff) kennen, unsere drei Zentren von Intelligenz (Kopf, Herz und Bauch). Innere Arbeit belebt sie neu, und wir sind zum ersten Mal in der Lage zu integrieren anstatt auszuschließen und zu trennen. Aus entweder-oder wird sowohl-als-auch.

Die kleine Selbsterforschung, welche durch Innere Arbeit geschieht, erleuchtet die Innenwelt des Menschen, die Scheinrealität, in der er lebt, geschaffen durch seinen Geist (mind). Sie steht im Dienste der großen Selbsterforschung, die nach den Lehren Ramana Maharshis, des großen indischen advaita-Lehrers, aus nur einer einzigen Frage besteht: Wer bin Ich? Diese Frage, durch direkte, innere Schau beantwortet, trägt in sich die Kraft vollständiger Auflösung der Idee eines getrennten Ichs. Es bleibt nur das Einssein mit Gott, Sein-Bewußtsein-Glückseligkeit (sanskr.: sat-chit-ananda).

Die advaita-Lehre als radikale Einheitslehre (wörtlich übersetzt: Nicht-Zweiheitslehre) deutet direkt auf diese einzige Realität, das Absolute, das ewige Sein, Gott, das Selbst. Diese Einheitslehre ist der mystische Kern einer jeden Religion, eines jeden spirituellen Weges. Und der Werdeprozeß des Menschen, die volle Ent-Faltung des Menschseins durch die Innere Arbeit auf dem Weg ist in ihr enthalten, nicht von ihr ausgeschlossen.

“Wir werden, was wir schon sind. Dies ist das grundlegende Paradoxon des inneren Weges. Nur im stillen Geist kann es genommen werden. Der stille Geist (no-mind) ist der Schlüssel zu wahrem Verstehen jenseits von richtig und falsch, jenseits von gut und böse.“

“In der vollständigen Seinslehre begegnen sich die Philosophie des Seins und die Philosophie des Werdens. Himmel und Hölle, Leere und Liebe feiern die große Hochzeit und offenbaren das Geschenk allumfassender Erkenntnis.“

OM C. Parkin


Weiterführende Literatur

2 Kommentare

  1. Elisabeth

    Dieser Text von OM berührt mich sehr. Ich fühle mich darin tief verstanden in den Herausforderungen des Weges, der kein Weg ist. Das kann mein Verstand nicht fassen. Danke für die Erinnerung in diesem Moment. Und danke, dass ihr das Material auf diesem Weg zur Verfügung stellt!

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    • Redaktionsteam - Born to Be

      Liebe Elisabeth, eben sind wir zurückgekommen von der Veranstaltung mit OM und Luna in der Schweiz. Deine Worte berühren mich und treffen die Essenz des Wochenendes: Die Kraft des Todes öffnet das Tor ins Unbekannte. Wer geht den Weg? Wer denkt? Was, wenn alles jetzt schon hier ist? In Verbundenheit, Katrin

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