Zwei Perspektiven auf Lehrer und Schüler

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Zwei Perspektiven auf Lehrer und Schüler

Ein älterer und jüngerer Schüler des Weges antworten auf dieselben Fragen. So zeigen sich zwei verschiedene Perspektiven auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Wie geht es euch mit den Fragen? Wie wären eure Antworten?

1. Was hat dich zu deinem jetzigen spirituellen Lehrer geführt?

Rüdiger: Es ist auf den heutigen Tag genau 25 Jahre her, dass ich in meinem 55. Lebensjahr auf einen jungen Mann namens OM traf, gegen den sich in mir alles sträubte. Der Eigenwille (damals einfach <Ich>) sagte NEIN und noch mal nein.

Es war für mich ein Mysterium, eine Gnadenkraft, ein kosmisches JA, welches bewirkte, dass ich schon einen Monat später einer von OM geleiteten Studiengruppe angehörte, die in mir maximale Aversion, heftigsten Widerstand, Aggression und Fluchtgedanken hervorrief. Mir war schleierhaft, wieso ich blieb und konnte nicht sehen/erkennen, dass in mir dieses kosmische Ja, die Gnadenkraft wirkte.

Kurz gesagt: Das Leben hat mich geführt, und es wirkte eine unerkannte und nicht bewusst gewürdigte Bereitschaft, dem kosmischen Ja mehr zu vertrauen als dem bewussten zornigen Nein.

Helge: 2010 war ich an meinem ersten persönlichen Tiefpunkt im Leben angekommen. Ich sah keinen wirklichen Sinn in meinem Leben, und in mir war eine große Lustlosigkeit. Wenn ich jetzt sterben würde, dann würde das auch keinen Unterschied machen.

 Zu jener Zeit kam ich durch einen Wink des Schicksals in Kontakt mit Helga Parkin und der inneren Arbeit. Mit dem Begriff innere Arbeit und Selbsterforschung  konnte ich zu Beginn sehr wenig anfangen. Was mich letztendlich berührt hat und dazu geführt hat, mich weiter damit zu beschäftigen, war der Raum der entstanden ist. In diesem Raum habe ich mich das erste Mal so richtig verstanden gefühlt und das Gefühl gehabt, ich kann ich sein, so wie ich bin und ohne dafür verurteilt zu werden.

Es hat lange gedauert, bis ich mich dazu entschieden habe, diesen Inneren Weg ernsthaft zu gehen. Dies geschah erst gegen 2019. Zwischendurch hatte ich immer Mal wieder Kontakt mit verschiedenen Lehrern der Enneallionce in Einzelsitzungen, Familienaufstellungen und Seminaren. Ich bin nun an den Punkt gekommen, wo ich nicht mehr zurück will in mein altes Leben, was irgendwie aus vielen Leidensgeschichten besteht. Ich will da raus. Ich will frei sein. Deswegen habe ich mich 2020 für den inneren Weg entschieden und dafür, als Schüler in die Mysterienschule einzutreten, um mit dem Lehrer meinem wahren Selbst immer näher zu kommen und um mein Leiden zu beenden.

2. Was erwartest du vom Lehrer?

Rüdiger:  Ent-Täuschung. Anleitung und Ermutigung zum unmittelbaren Sehen dessen, was ist, bevor das rechthaberische und machtgierige Ich „weiß“. Es war ja nicht verborgen geblieben, dass ‚Ich‘ sich in der Not über Gott wähnte – und dass das todbringende Leiden verursachte, ja, verursachen musste.

Ich wollte dem Tod entkommen und auch einen gangbaren Weg entdecken, Jesu Wort zu folgen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Langsam, ganz langsam wurde klar, dass sich Hilfe und Widerspenstigkeit ausschließen und Vertrauen keine Hintertür hat.

Helge: Meine ganz klare Erwartung ist Authentizität. Der Lehrer muss in meinen Augen authentisch sein. Er muss das, was ich durchlebe, schon durchlebt haben, um mir glaubhaft und ehrlich vermitteln zu können, wie ich mich von meinem Leiden befreien kann. Ich erwarte vom Lehrer, dass er mich hört, versteht und mir Wege aufzeigen kann, die mich auf meinem Weg weiterkommen lassen. Ich erwarte Präsenz vom Lehrer.

Ich sehe hier auch kindliche Aspekte solche wie, dass der Lehrer mich an die Hand nehmen soll und mir den Weg zeigt und dass er immer eine Antwort auf meine Fragen hat. Es hat irgendwie etwas von einer väterlichen Rolle.

3. Was bedeutet es für dich, Schüler zu sein?

Rüdiger: Die Bereitschaft, mit entspanntem Körper, offenem Herzen und stillem Geist, frei von Erwartungen zu empfangen.

Bewusste Schülerschaft ist ein Seinszustand im Moment, immer neu, kein vorzeigbares Etikett.

Helge: Das ist eine gute Frage, und über diese habe ich mir ehrlich gesagt noch nicht sehr viele Gedanken gemacht. Es bedeutet für mich auf eine Art und Weise, Verantwortung zu übernehmen für mich selbst. Es geht darum, mich zu zeigen mit dem, was in mir ist. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass kein anderer sich um mich kümmern kann als ich selbst, und dass niemand von außen sehen kann, was in mir vorgeht. Daher ist es meine Verantwortung, mich mit dem zu zeigen, was ist, wenn ich wirklich daran interessiert bin, es zu wissen.

Schüler zu sein bedeutet, ein wirkliches Interesse dafür aufzubringen zu erforschen, wer man wirklich ist. Sich seiner inneren Leidensstrukturen bewusst zu werden, erfordert Mut und eine Bereitschaft, sich Themen zu stellen, die sehr unangenehm sein können. Als Schüler gilt es, sich diesen Themen zu stellen, um sich von diesem Leiden zu befreien. Es bedeutet, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich voll und ganz in den Dienst der Wahrheit zu stellen, auch wenn es Opfer fordert. Es kostet weit mehr, das nicht zu tun.

4. Möchtest du noch etwas teilen, an „Weggefährten“ oder Menschen, die am Anfang des Weges stehen?

Rüdiger: Der Rat an mich selber lautet: Vergiss alles, was du über Spiritualität und spirituelle Lehrer zu wissen glaubst, erkenne alles als Illusionen innerhalb deiner (privaten!) Gedankenwelt und lass sie fahren, ja selbst die (erwartungsvolle) Hoffnung, die angeblich zuletzt stirbt, lass zurück.

Es gibt eine Kraft (nicht meine!), die mich zieht, die kosmische Kraft der Gnade. Lass sie zu, durchschreite das Nadelöhr zwischen der Welt des Scheins und der Realität und wisse, dass entschlossene Bereitschaft, unerschütterlicher Wille und alle Kraft nötig sind, ohne dass ein ‚Ich‘ es machen könnte … Ja, und immer wieder falle ich auf die Einflüsterung „Du bist ein totaler Versager!“ herein; einen Moment nicht wach, und alles scheint schlimmer als je zuvor. Sumpf, wüten, wieder wach werden, sich des Leidens eigener Lauheit gewahr werden/sein, das Ganze von vorn (allerdings schneller und schneller), zum abertausendsten Mal.

Bis zum letzten Atemzug.

Helge: Selbsterforschung erfordert Mut. Bringe den Mut auf, dich mit dem zu zeigen, was in dir ist. Ob Gedanken, Gefühle oder ein Thema mit einer sehr starken Ladung. Nutze diesen Raum und diese Möglichkeit, dich mitzuteilen. Ich selber habe mich am Anfang oft zurückgehalten, mich zu zeigen. In mir gab es eine Angst davor, was andere von mir denken könnten. Auch mein Bewusstsein darüber, was es wirklich heißt, mich mit dem zu zeigen, was ist, kam erst später. Meine Erfahrung ist, sei radikal ehrlich zu dir selbst und teile es mit. Nur so kannst du wahre Selbsterforschung betreiben und dich aus deinem Leiden befreien. Dieser Moment der Ehrlichkeit zu dir selbst setzt etwas in Bewegung. Es ist erleichternd, befreiend und bringt inneren Frieden. Gleichzeitig setzt es auch deine innere Kraft frei. Nachdem ich diese Erfahrungen mehrmals gemacht habe, gibt es für mich keinen Weg mehr zurück. Ich will aus meinem Leiden aussteigen und diese Strukturen, die dafür verantwortlich sind, erforschen, sehen und durchdringen. Das erfordert Mut zur Wahrheit.

Dabei hilft es z.B. dass im Darshan, in der Sangha und bei Einzelsitzungen das gesprochene aufgenommen wird. Für mich ist es wirklich ein Geschenk, die Möglichkeit zu haben, mir meine Prozesse zum wiederholten Mal anzuhören. Meine Dialoge mit dem Lehrer oder den Lehrern der Enneallionce habe ich zum größten Teil transkribiert. Dies dient nicht nur der besseren Verarbeitung, sondern gibt mir auch noch eine tiefere Erkenntnis, die noch einmal auf einer anderen Ebene verankert wird. Wenn ich nur höre, dann vergesse ich vieles schnell wieder. Das Transkribieren hilft mir, tiefer zu forschen und gezielte Fragen zu meinem Prozess zu stellen.

Habe Vertrauen in den Prozess. Es zahlt sich aus, dran zu bleiben. Bei mir hat es am Anfang lange gedauert, bis ich mich wirklich intensiver mit der inneren Arbeit auseinandergesetzt habe. Jeder hat sein eigenes Tempo. Siehe dazu meine Reise und wie ich zum Lehrer gekommen bin.

Weiterführende Literatur:

Spirituelle Meisterschaft – Lehrer und Schüler auf dem inneren Weg

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