Die verlorene innere Autorität

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Die verlorene innere Autorität

Unsere Zeit ist geprägt von dem Verlust eines natürlichen Zugangs zu Autorität. Wir haben das Vertrauen verloren, dass eine klare, strenge, wegweisende Führung uns wirklich wohl gesonnen ist. Fast automatisch belegen wir Menschen, die in Autorität auftreten, mit Misstrauen und Feindseligkeit. Wir unterstellen ihnen persönliche Machtmotive und ziehen nicht in Betracht, dass Autorität unserem kindlichen Ich zwar nicht passt, jedoch unserer Seele und ihrer Entfaltung dient. Die traumatischen Erfahrungen, die wir in der westlichen Welt mit Autorität hatten, nehmen wir als Vorwand, um sie abzulehnen und ihr gegenüber eine undifferenziert misstrauische Haltung einzunehmen. Auch in der Annäherung an einen spirituellen Lehrer zeigt sich dieses verkrampfte und belastete Verhältnis. Es braucht Unterscheidungskraft – vor allem für einen Menschen, der den Weg der Befreiung gehen möchte: Befreiung des inneren Kraftflusses, der inneren Autorität, der Eindeutigkeit und Nähe zum Wesentlichen.

Die tiefen Wurzeln dieser Schwierigkeit mit Autorität hat OM C. Parkin in vielen seiner Schriften und Vorträgen ausgeführt. Sie gehen zurück auf die traumatische Geschichte des zweiten Weltkrieges, die in den Zellen gespeichert ist – unabhängig davon, ob ein Mensch in dieser Zeit gelebt hat oder nicht – und noch tiefer, in die uralte Geschichte und Prägung durch die geistige Welt der katholischen Kirche.

Wir haben einige Zitate aus dem Lehrbuch „Intelligenz des Erwachens“ gewählt, die einen Einblick geben in die Dimension dieser Prägung. Die Zitate haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dienen als Inspiration sich den Zusammenhängen ausführlicher zu widmen.

Viel Freude beim Lesen und Studieren!

Euer Redaktionsteam


Kommentar zu den folgenden Zitaten von OM C. Parkin: Die Seitenzahlen beziehen sich auf die 3. aktualisierte und erweiterte Auflage von „Intelligenz des Erwachens“ (kurz IdE) – in der 2. Auflage befinden sich die Zitate jeweils 7 Seiten vorher.


… Gerade der westliche Mensch wird meist von tiefgreifenden psychischen Autoritätskonflikten heimgesucht, die in seinem Geist bis in seine kollektiven Grundfeste hinein tief verankert sind. Der Generalverdacht gegen falsche Lehrer ist im weiteren Sinne ein latentes Misstrauen gegen das Prinzip von Autorität an sich, auch in weltlicher Erscheinung. Wie so häufig erweist sich diese Haltung bei näherer Betrachtung als Ambivalenz: blindes Vertrauen und Hörigkeit auf der einen Seite, Misstrauen und Feindseligkeit auf der anderen. Gerade die neue deutsche Geschichte, das Trauma der Deutschen mit Hitler, bietet mehr als genügend Anlass, jeder Form von machtausübender Autorität misstrauisch gegenüberzustehen – und das nicht nur für Deutsche, denn Hitler war ein Despot, der die gesamte westliche Welt an den Rand des Abgrunds führte – und darüber hinaus … (IdE S. 359)

… Warum erfährt das Thema von Autorität im konditionieren Geiste vieler Menschen eine derartige emotionale Aufladung? Eine Einladung zu Selbstverkrampfung und schuldhafter Beziehung auf der einen, oder zu kindlich-naiver Selbstvergessenheit und Ausblendung auf der anderen Seite? Die Wurzeln einer grundlegend gestörten Autoritätsbeziehung im westlichen Geist reichen tiefer als die individuelle Familiengeschichte oder die kollektive Wirkung weltlicher, traumatischer Ereignisse der Historie, so wie z.B. die beiden Weltkriege. Vielmehr sind sie religiöser Natur und finden sich in dem über die Jahrhunderte geprägten christlichen Gottesbild eines strafenden Gottvaters, welches nicht der Lehre von Jesus Christus, sondern den Missverständnissen und begrenzten Auslegungen katholischer Theologie entspricht … (IdE S.360)


… Denn der grundlegend patriarchal eingefärbte Blick des christlich konditionierten Menschen betrachtet die Welt ausschließlich in Hierarchien, während das ausgleichende, urweibliche Prinzip der Heterarchie aus dem Blickfeld des Schauenden gewichen ist. Dieser einseitig begrenzte Blickwinkel entbindet die Kraft der Autorität aus dem Schoß der weiblichen Seele und lässt sie potentiell kalt und lieblos erschienen. Eine angstbesetzte, innere Atmosphäre breitet sich aus, denn Angst nimmt überall dort den inneren Raum ein, wo die Liebe vertrieben worden ist. Es ist aber gerade die Präsenz der weiblichen Seele, welche an die alles durchdringende Kraft der Liebe erinnert. Autorität, die nicht mit dem Wesen der Liebe in inniger Umarmung wirkt, lässt keine Qualität des Wohlwollens erkennen, sie betreibt den Missbrauch von Macht … (IdE S. 361)


… Die Schüler-Lehrer-Beziehung ist undemokratisch. Das ist für einen westlichen Freigeist schwer zu akzeptieren. So gibt es nicht wenige, die dieses traditionelle Verhältnis als „überholt“ oder sogar als einen „Rückfall in Feudalstrukturen“ bezeichnen, weil ihr Geist in einem schlichten Akt der Gleichsetzung politische Strukturen auf diese spirituelle Beziehung übertragen will… Die Frage ist nicht, ob wir einen Lehrer brauchen. Wir haben alle längst einen. Die Frage ist ausschließlich, welchen Lehrer. Der innere Lehrer ist der Lehrer des Herzens. Dem äußeren Lehrer möchte ich den Namen des denkenden Geistes geben. Einzig um diese beiden Lehrer geht es und sie müssen in bewusster Dualität mit dem Schwert der Unterscheidungskraft scharf getrennt werden. Ein vermeintlich äußerer Lehrer könnte in Wahrheit in innerer sein, während ein vermeintlich innerer in Wahrheit ein äußerer sein könnte. Ich will also damit sagen, dass durch eine äußere Form etwas in Erscheinung treten kann, was mir selbst näher ist als mein eigener Geist und sein Eigenwille, also alles, was ich bisher als „Ich“ bezeichnet habe … (IdE S. 439)


Für uns ist die Annäherung an Autorität und die ursprüngliche Seelenqualität, die darin liegt, ein wichtiger Schlüssel geworden. Wir haben in uns geforscht, was unser eigener innerer Weg mit diesem Thema war und ist. Gerne könnt ihr euch fragen: wie ist meine Beziehung zu Autorität? und dazu etwas in den Kommentaren veröffentlichen.

Luna

Wie OM es in einem der Zitate beschreibt, ist für mich die Unterscheidung zwischen: Was ist innen und was ist außen? wichtig geworden. Das Innen begegnet mir in der Seele und ihren Qualitäten – egal ob in mir oder einem anderen Menschen. Das Außen sehe ich in all den Auswirkungen unserer kindlichen und geistigen Welten, wobei es mir gleichgültig ist, ob das durch andere Menschen oder direkt in mir selbst in Erscheinung tritt. Die Idee also, innen sei das, was ich in mir wahrnehme und außen, was von einem anderen Menschen kommt, löst sich auf dem inneren Weg auf. So erlebe ich innere Autorität als eine Kraft, die in einer Qualität der Führung, der Aufrichtung, der Zurück – und Wegweisung ins Leben tritt – durch Männer oder Frauen verwirklicht, manchmal auch nur in Momenten. Erst in der Nähe zu meinem Lehrer OM, der eine selbstverständliche und nicht-kompromittierbare Autorität verkörpert, konnte ich nach und nach die feindselige Haltung in meinem kindlichen Geist gegenüber der Autorität (des Vaters) erkennen und dass die Angst, die auftaucht, kein Beweis ist für die „Schlechtigkeit“ von Autorität, sondern einer Folge der eigenen Abwehr und Anklage. Dies hat meinen Blick gewandelt und mein Interesse geweckt, das Wesen von Autorität anzuerkennen, davon zu lernen, mich hinzugeben und es in mir selbst zu entfalten.

Rainer

Innere Autorität zeigt sich für mich, in welchem Maß ich mir selber die Wahrheit sage und dafür die volle Verantwortung übernehme.

Autorität ist Anhalten und das zu fühlen, was da ist – ob Schmerz, Angst oder Freude. Sie zeigt mir die richtige Antwort, Yin oder Yang. Und hebelt den Macher aus. Autorität ist offen für die Liebe.

Deva

Für mich hat das Thema der Inneren Autorität mit meinem Verhältnis zum Prinzip des Vaters (im Innen wie im Außen) zu tun. Lange Zeit habe ich dieses Prinzip in mir verletzt, indem ich mich nicht unterordnen, nicht hören oder Begrenzungen nehmen wollte. Erst die inneren Auswirkungen, nämlich die Unfähigkeit meinem eigenen Geist Grenzen zu setzen und die leidvollen Spuren in mir haben eine Wertschätzung für Autorität wachsen lassen.

Aus Begrenzung wird vertrauensvolle Führung und Zurückweisung des Falschen, aus Strenge wird innere Disziplin und der Blick für das Wesentliche, aus kalter Emotionslosigkeit wird friedvolle Ernüchterung und ein erleichterndes Erwachsen aus verklärten Träumereien und aus Kompromisslosigkeit eine klare Ausrichtung auf das, was ich wirklich im Innersten will. 

Dank OM, der auch ein Spiegel des Prinzip des Vaters ist!

Katrin

Innere Autorität sehe ich als einen männlichen Aspekt der Kraft in mir selbst und als Ausdruck des Einen Herzens, so wie er sich auch durch mein Herz ausdrückt. Wenn ich wach und empfänglich bin, so höre ich das Herz sprechen und erhalte klare Botschaften, was zu tun oder zu lassen ist.

Unterscheidungskraft ist nur in Anwesenheit innerer Autorität möglich. Auch ich bin, geprägt durch die Geschichte verschiedener Kollektive, durch die Überhöhung und durch die Ablehnung dieser Kraft gegangen und sehe bis heute leidvolle Spuren davon. Langsam eröffnet sich mir die Erkenntnis, wie sehr ich diese Kraft auf dem Befreiungsweg brauche. Dieses Sehen verändert grundlegend meine Haltung zu dieser unbequemen und kompromisslosen Kraft, die mir letztlich den ersehnten Halt in mir selbst gibt – unabhängig von der äußeren Situation – und die das Potential in sich trägt, Unwahrheit zurückzuweisen und Wahrheit anzunehmen.


Weiterführende Literatur

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2 Kommentare

  1. Widmer Gerda

    Die verlorene innere Autorität
    Welch ein Geschenk, nach all dem scheinbar vergeblichen Suchen, innere Anbindung zu erfahren.
    In mir verstärkt sich die männliche Kraft der Autorität durch Anbindung an die weibliche Seele. Die Wandlungskraft, welche von mir mit gewaltvollen und beängstigenden Vorstellungen und Bildern belegt wurde (und auch jetzt immer wieder zur Überprüfung einlädt), ist die wirksamste, bisher erkannte Waffe der verneinenden Gegenkraft in mir.
    Paradoxerweise erfahre ich im hingeben (hinwenden) grosse, ungekannte Sanftheit – diese beinhaltet eine klare Führung und Ausrichtung. Unfassbar bleibt immerwährend diese Kraft, welche mich aus dem vermeintlichen „nichts“ zu OM geführt hat. Allein diese Tatsache ermöglichte mir die Erfahrung von wahrer Autorität, welcher ich mich immer weniger entziehen möchte.

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