Mein Weg

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Interview mit Ulrike Porep in Dötlingen, Mai 2020

F: Liebe Ulrike, während des vergangenen halben Jahres hast du diesen Ort als Retreat genutzt, um hier zu schreiben. Kannst du etwas dazu sagen, wie es dazu gekommen ist und wie der Ort dich gefunden hat?

Ulrike: Dieser Ort war erstmal ja ein Urlaubsort, wir sind hierher gekommen, weil wir ein paar Tage Urlaub machen wollten im letzten Jahr, an diesem Ort, den wir ganz gut kennen, weil wir hier mal gelebt haben. Und wir hatten Lust, hier nochmal spazieren zu gehen und Rad zu fahren, es war im Oktober. Mir gefiel dieses Haus total, und plötzlich war die Idee da, ich könnte mich ja für ein halbes Jahr hier einmieten – nicht konstant, sondern als Rückzugsort. Und oh Wunder – das Haus stand zur Verfügung. Die Idee, ein Buch zu schreiben war ja schon eher da, und ich hatte auch schon angefangen. Es hat sich total von selbst ergeben, dass mir klar war, es wäre gut, mal eine Distanz zwischen Saunstorf und der Gemeinschaft und einem Arbeitsort einzulegen, weil in Saunstorf doch immer einiges los ist; da sind viele Unterbrechungen, ich kann mich da nicht wirklich auf so eine Arbeit konzentrieren. Und dann fand ich diesen Ort sehr anziehend, denn man kann hier wunderbar spazieren gehen. Und wenn ich nicht mehr sitzen konnte – und ich kann nicht sehr lange am Computer sitzen, das muss ich zugeben – dann konnte ich erstmal raus gehen.

F: Wie ist es dir ergangen mit dem Alleinsein während dieses halben Jahres?

Ulrike: Das war insofern nicht schwierig, weil ich ja ein Projekt hatte. Und dieses Projekt war für mich auch wie eine Abenteuerreise. Ich habe noch nie über eine längere Zeit an so einem Projekt gesessen. Ich saß dann hier, und es war ja die dunkle Zeit, was mich auch unterstützt hat in der inneren Sammlung. Ich konnte mich gut in alles reinfinden, habe mich einfach hingesetzt und mir auch eine Disziplin gegeben, was nicht schwierig war. Ich kann morgens immer am besten arbeiten, habe mich am Morgen auch erstmal hingesetzt zu einer Meditation, dann habe ich ein bisschen für mich persönlich aufgeschrieben, und mich dann an den Computer gesetzt und angefangen zu schreiben. Es war kein „muss“, kein „es muss jetzt fertig werden“ oder „erfolgreich sein“, sondern einfach nur: Wie geht so etwas überhaupt?
Klar kam zwischendurch auch der Wunsch nach Kontakt. Ich habe mir dann bestimmte Zeiten eingeplant, wann ich den Computer für mails benutze, habe immer gewartet bis es dunkel wird, und dann in die Emails geschaut. Natürlich gibt es einen Drang immer zu gucken: wer schreibt da was. Ich war ja aber auch nicht ganz von der Welt abgeschnitten. Und natürlich gab es Wegstrecken von Langeweile, aber nie wirklich belastend. Ich hatte auch – das muss ich sagen – genügend Materialien dabei, mit denen ich mich beschäftigen konnte; viele Sachen auch, die ich länger schon mal lesen wollte. Und was es auch erleichtert hat ist, dass ich ja für niemand anderen da sein musste, das war schon mal gut. Da war auch ein Gefühl von Freiheit.

F: Mich interessiert, was dein Stil, deine Herangehensweise mit Menschen zu arbeiten ist. Kann man sagen, dass es darum geht, die Menschen da zu treffen und mitzunehmen, wo sie wirklich stehen?

Ulrike: Ja. Ich habe das nirgendwo so richtig gelernt. Wie kann ich so einen Menschen dahin bekommen, daß er sieht, was er macht? Menschen, die an etwas leiden, wobei sie nicht wissen, worunter eigentlich. Und die Herangehensweise ist: Folge immer dem, was der Klient erzählt, und versuche nicht, ihn irgendwo hin zu bringen, wo er noch nicht hin will. Und ich glaube es ist ziemlich gut deutlich geworden, wie es möglich ist, auf eine sehr subtile Art Menschen zu gewinnen, mal genauer hin zu schauen.
Es gibt natürlich eine Absicht insofern, dass es wie eine Art Aufklärung ist, die Absicht, dass Menschen etwas begreifen, verstehen, nachvollziehen können, aber es ist nicht so, daß sie es „sollen“. Ich erwarte nichts, auch keine Erfolge, sondern ich folge den Menschen, und es ist total spannend, was sich dann entwickelt.

F: Es ist ja auch eine bestimmte Freiheit, die du dir erarbeitet hast, diese „relative Über-Ich Freiheit“, eine Qualität, die es braucht in der Vermittlung dieser Arbeit.

Ulrike: Ich muss sagen, da habe ich einige Jahrzehnte dran gearbeitet. (Lacht)
Es ist nie fertig. Ich bin ja nicht erwacht. Da ist immer noch ein Geist, der auch gerne mitspielen möchte, und manchmal verfange ich mich darin auch, und ich fange an mich anzustrengen, aber es ist nicht mehr so nachhaltig, weil ich merke, dass es keinen Spaß mehr macht, sondern im Gegenteil Leiden erzeugt. Dann wird es eben anstrengend, künstlich und frustrierend. Eigentlich ist es eine Übung, in der Kreativität frei wird und Intelligenz. Es gibt also keine Absicht irgendetwas zu erreichen, was psychologischen oder spirituellen Standards genügen soll.

F: Das ist ein gutes Stichwort. Mich interessiert der Übergang von deiner Arbeit als Psychotherapeutin hin zum Sehen, dass Innere Arbeit notwendig ist. Kannst du dazu etwas sagen, wie du selbst zur Inneren Arbeit gekommen bist?

Ulrike: Ich wollte nie Psychotherapeut werden; ich habe mal Psychologie studiert und wusste überhaupt nicht, was das ist und wozu das gut ist, und ich habe es dann irgendwie zu Ende gebracht und bekam ein Diplom. Ich hatte keine Ahnung, was man damit anfangen kann, wusste aber, ich musste Geld verdienen und habe angefangen, beim Arbeitsamt im psychologischen Dienst. Dann wurde ich Berufsberaterin für Abiturienten. Dann habe ich mit Legasthenikern gearbeitet, das war damals sehr aktuell. Da konnte man mit diesen Kindern Trainings machen, damit sie lernten, wie man richtig lesen und schreiben kann. Aber die Kinder machten immer beim gleichen Wort den gleichen Fehler, und ich merkte, da ist irgendein System drin, das verstehe ich noch nicht. Dann sah ich zufällig – wie scheinbare Zufälle in meinem Leben eigentlich die größte Rolle spielten – eine Anzeige einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik, die ganz neu eingerichtet war, und die suchten eine Diplompsychologin. Während der kommenden fünf Jahre, die ich dort arbeitete, fand ich heraus, dass die Kinder eigentlich nicht so schlimm waren, aber die Eltern waren sehr schwierig, und nach fünf Jahren beschloss ich, mit Erwachsenen zu arbeiten.
Es gab in der Klinik viele Möglichkeiten und Methoden wie Körperarbeit, Meditation usw. Ich merkte, dass der Horizont ja viel weiter ist, als es bei den ausgebildeten Psychotherapeuten der Fall ist oder besser: damals war. Auf diesem Spielfeld habe ich dann viel ausprobiert – ich war bei verschiedenen Lehrern, aus dem tibetischen Buddhismus, Sufismus und bei einem Schüler von Osho. Aber das hat mich alles nicht wirklich befriedigt, es war irgendwie eine Spielerei.
1995 bekam ich dann eine Ausgabe der Zeitschrift „Connection“ in die Hand, in der ein Artikel über OM stand. Es ging dort um eine Enneagramm-Ausbildung. Ein erwachter Lehrer und diese Ausbildung, von der ich auch nicht viel wusste, das interessierte mich. Das Enneagramm war für mich wirklich erstmal eine Erlösung, weil ich etwas verstand und über mich etwas erfuhr, was ich so noch nie gesehen hatte, obwohl ich sehr schnell wusste, was meine Fixierung ist. Es war mir nicht fremd, aber ich hätte es nie so benennen können. Das Enneagramm hat mir einen Weg geöffnet, wie es möglich ist, dieses menschliche Wesen zu verstehen, überhaupt Menschen und die Ursachen von Leiden zu verstehen.

F: Du sagtest, du warst selbst gar nicht an einem inneren Weg interessiert. Kann man sagen, daß die Innere Arbeit in dein Leben getreten ist dadurch, dass du über deine berufliche Tätigkeit nach einer Erweiterung deiner Möglichkeiten gesucht hast? 

Ulrike: Das ist genauso, wie du sagst. Ich war nicht wirklich interessiert, aber als ich das erste Mal über einen Zen-Meister gelesen habe, da habe ich gemerkt, dass es da noch etwas anderes gibt. Da fing ein Interesse an, das hätte ich nie spirituell genannt, sondern erstmal war es nur wie eine Öffnung, dass es auch möglich ist, anstrengungslos zu leben. Anstrengungslos, aber vielleicht auch mit bestimmten Bemühungen, aber dass dieses Verkrampfte, und diese unglaubliche Ratlosigkeit und Hilflosigkeit ein Ende haben können, wenn das Ich sich nicht mehr so in den Vordergrund drängt. Daß es so etwas überhaupt gibt, einen Gedanken namens „Ich“, das wurde mir erst klar, als ein indischer Lehrer mal zu Besuch war bei Reshad Feild (einem Sufi-Lehrer). Er sprach über den Ich-Gedanken, und so langsam dämmerte mir, dass da irgendetwas Merkwürdiges in mir ist, was aber noch nicht klar war, was es ist. Ich war vollkommen identifiziert. Ich saß da in der warmen Badewanne und wusste nicht, dass es etwas anderes gibt, dass man da raus kann.

F: Gibt es in dir den Wunsch nach vollständigem Erwachen?

Ulrike: Ich kann sagen, es gibt da kein persönliches Interesse. Wenn es geschehen soll, darf es gerne geschehen, aber es ist für mich kein Ziel, das es anzustreben gibt. Ich habe das Gefühl, in dem Moment, wo ich ehrlich bin mit mir selbst und aufhöre, irgendwelche Geschichten zu machen über irgendwelche Zustände, in denen ich mich unwohl fühle, trete ich mehr und mehr zurück von dieser Identifikation mit einem begrenzten Ich. Es geht also um Wachheit und Sehen.
Am Anfang klang Erleuchtung für mich ganz großartig. Erleuchtung, das erschien mir schon erstrebenswert. Und ich würde sagen, dann kam eine starke Desillusionierung über diesen Begriff „Erleuchtung“. Aber diese Desillusionierung hat nicht in eine Resignation geführt, sondern in eine Nüchternheit, in der ein Interesse da ist an dem, was in dem Moment gerade ist. Und dieses Festhalten an alten Geschichten und Identitäten erscheint mir als das größte Hindernis. Aber man kann auch loslassen nicht „machen“, man kann immer nur sehen, wo man festhält. Und vielleicht ist irgendwann das Interesse, irgendetwas festzuhalten nicht mehr da.

F: Suchst du noch nach dem Glück?

Ulrike: Manchmal ist mir das ein wenig unheimlich, denn das ist ja im Enneagramm in der Sieben stark verankert: „Ich bin glücklich!“ Da werde ich schon ganz misstrauisch. Ich weiß, dass es eine Versuchung ist, sich für glücklich zu erklären. Es ist interessant, wenn ich mich hier morgens hingesetzt habe und ganz unsystematisch aufgeschrieben habe, wie es mir gerade geht und was ich doof finde, und was ich schön finde, und was ich heute machen will, also ganz simpel, da habe ich für eine Weile diesen Satz geschrieben: Und so wie es ist, ist es gut. Und das kann ich bestätigen, es ist gut so. Und das heißt nicht: Ich bin glücklich, sondern: Es ist gut so. Und in dieser Öffnung von „Es ist gut so“ ist alles enthalten, das muss jetzt nicht eine bestimmte Definition von Glück sein. Und damit kommt die Suche zu einem Ende.

Weiterführende Literatur:

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5 Kommentare

  1. Renate Dicht

    Mich berührt dieses Interview. Ich bin dankbar, mit Ulrike arbeiten zu dürfen. Diese Klarheit und dieser Humor, diese Einfachheit und Liebe, sind das, was mir immer wieder die Augen öffnet.

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    • Redaktionsteam - Born to Be

      Vielen Dank euch allen für diese Kommentare! Wir freuen uns, dass der Artikel so gut ankommt. Wie erholsam menschlich und gleichzeitig in die Tiefe führend sind Ulrikes authentischen Worte! Ulrike weckt in mir immer neu den Forschergeist und erinnert mich daran auf dem Boden zu bleiben, anstatt in spirituelle Scheinwelten zu flüchten. Von Herzen, Katrin

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  2. Regina Munzel

    Guten Morgen,
    mit großer Freude habe ich dieses Interview gelesen, und es gefällt mir richtig gut- weil die Fragen auch für Menschen außerhalb der Schule gut nachvollziehbar sind- und ehrlich.
    Das Gespräch ist weder abgehoben noch irgendwie künstlich spiritualisiert, und das schätze ich an Ulrikes Arbeit. Auch wenn es oft wirklich unangenehm nah kommt! Als Therapeutin habe ich sie (und Rüdiger) um 1990 kennen gelernt und bin ihnen seitdem gefolgt, auch ab 1998 zu OM. Inzwischen ist es auch eine Weggefährtinnenschaft, und das ist wegweisend geworden für mein Leben. Sie geht voraus, ich bleibe nah und folge- ihr und dem Lehrer, im Aussen und Innen, leide + wachse in mir. Danke an das Leben für diesen „glücklichen Zufall“.
    Herzliche Grüße,
    Regina Ma. / Sangha Bremen

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  3. Brigitta Kunert

    So schön! Ich kann Ulrike sprechen hören während ich das lese.
    Sie vermittelt mir, dass auch ich in der Lage bin die innere Selbstquälerei durch Beobachtung, Erkennen und Akzeptanz anzuhalten.
    Sie ist für mich ein großes Vorbild für liebevollen Umgang mit mir selbst und die Hinwendung zu dem was mir gut tut.

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  4. KARIN SCHUMACHER

    Das Sein ist einfach und klar!
    Danke!

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